Frankfurter Allgemeine
GOLD FÜR DEN REDNER GREGOR GYSI
Die Klage über den Verfall der Redekunst ist alt. Eingesetzt hat sie mit dem Ende der antiken griechischen Stadtstaaten, verschärft hat sie der Niedergang der römischen Republik. Ihren Höhepunkt aber erreichte sie mit der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Große Redner sind in der Politik heute so rar wie gute Mittelstürmer im Fußball. Trost bietet nur die Vergangenheit: mit Ludwig Uhland, Otto von Bismarck oder Herbert Wehner.
Besserung hat sich da der "Förderkreis Politische Rhetorik" vorgenommen, den der Rhetoriklehrer Peter Ditko 1978 mit dem Berliner SPD-Bundestagsabgeordneten Jürgen Egert ins Leben rief. Sein Ziel: das Interesse an der Rhetorik wieder zu wecken. Beispielsweise durch einen Redewettstreit "MdB gegen den politischen Nachwuchs", dessen jüngste Auflage die Grüne Antje Hermenau mit einer Rede über "Die Bedeutung des Schweinebratens für die Politik in Deutschland" gewann. Dafür wurde ihr das "Silberne Mikrofon" verliehen, was schon aller Ehren wert ist, zumal ihr Vorgänger im ersten Redewettstreit 1996 kein Geringerer war als Friedrich Merz.
Die rhetorischen Giganten aber erwartet das "Goldene Mikrofon". Unter dessen Preisträgern finden sich die üblichen Verdächtigen (Brandt, Weizsäcker, Fischer), die einschlägigen Gewohnheitsredner (Rau, Thierse) und auch solche, die ihr rhetorisches Talent bislang erfolgreich vor der Öffentlichkeit verbargen (Stoltenberg). Wer die Liste der Geehrten sieht, teilt Ditkos Sorge, daß "die Kandidaten immer weniger werden". (...)